Photo by Jon Tyson on Unsplash

Nach der Diagnose, jetzt die Therapie: 3. Teil des IPCC Sachstandsberichts zum Klimawandel benennt Kernpunkte zur Bekämpfung des Klimawandels

25. April 2022, von Johannes Enzmann und Kirsten Petersohn, Mitglieder des Koordinationsteam des SPD Klimaforums

Das Fenster schließt sich: Weltklimarat fordert sofortige Maßnahmen, Änderung des Lebensstils und Umlenkung der Finanzströme.

Wahrscheinlichkeiten der globalen Temperaturerhöhung

Temperaturerhöhung und Emissionen in Gt
Wahrschein-
lichkeit
1,5° 1,7° 2,0°
17% 900 1450 2300
33% 650 1050 1700
50% 500 850 1350
67% 400 700 1150
83% 300 550 900
Quelle: IPCC, AR6, WGI SPM, Tabelle SPM.2
Lesehilfe zur Tabelle:
  • Wahrscheinlichkeit der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°, 1,7° oder 2,0° (linke Spalte)
  • Zahlen in Milliarden Tonnen CO2eq (MtCO2eq) globaler Emissionen
  • Beispiel 1: globale Emissionen von 900 MtCO2eq führen zu einer Wahrscheinlichkeit von 17% die Erderwärmung auf 1.5°C zu begrenzen (grünes Feld)
  • Beispiel 2: globale Emissionen von 850 MtCO2eq führen zu einer Wahrscheinlichkeit von 50% die Erderwärmung auf 1.7°C zu begrenzen (gelbes Feld)
  • Beispiel 3: globale Emissionen von 900 MtCO2eq führen zu einer Wahrscheinlichkeit von 83% die Erderwärmung auf 2,0°C zu begrenzen (gelbes Feld)
  • Zur Info: Jährlich werden derzeit ca 60 MtCO2eq emittiert. D.h., wenn wir eine Sicherheit von 83% haben wollen, die Erderwärmung auf 1.5°C zu begrenzen, können wir noch fünf Jahre so weitermachen wie bisher, aber keine weitere Tonne im sechsten Jahr ausstoßen, da das globale THG-Budget für 1.5°C nur noch 300 MtCO2eq hergibt.

Seit Anfang April liegt er jetzt vollständig vor: Der 6. Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC, auch als „Weltklimarat“ bezeichnet), für den Tausende von Wissenschaftler*innen zigtausende von Studien zum Klimawandel untersucht und zu einem Gesamtbild zusammengesetzt haben. Die Arbeitsgruppe I des IPCC hat im August 2021 die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entwicklung des menschengemachten Klimawandels vorgelegt, während Arbeitsgruppe II ihren Bericht im Februar 2022 zu Auswirkungen des und Anpassungen an den Klimawandel präsentierte. Auf diese beiden wissenschaftlichen „Diagnosen“ des Klimawandels folgte Anfang April die Arbeitsgruppe III mit dem für die Politik entscheidenden Bericht zu Maßnahmen, wie der Klimawandel gemindert werden kann. Der IPCC macht deutlich: das Fenster, einen katastrophalen Klimawandel aufzuhalten, schließt sich:  Maßnahmen müssen jetzt und heute, und nicht erst morgen ergriffen werden. Um auf der sicheren Seite zu sein und 1.5°C globale Erwärmung nicht zu überschreiten, dürften, gerechnet von 2020,  nicht mehr als ca. 300 – 400 GtCO2eq[1] ausgestoßen werden. In 2019 wurden 59 GtCO2eq emittiert – das macht 5 – 6 Jahre, bis das globale Budget verbraucht ist. Spätestens ab 2025 müssen die Emissionen weltweit in absoluten Zahlen um 43% sinken, wenn ein zeitweises Überschießen des 1,5-Grad-Limits vermieden werden soll. Aber auch wenn die Welt sich mit einer 50/50-Chance, das Schlimmste zu vermeiden, zufrieden gibt, haben wir schon mehr als vier Fünftel unseres Budgets ausgestoßen, ungefähr 500 GtCO2eq bleiben uns dann noch.

Optimistisch stimmt, dass die Kosten vieler Technologien für erneuerbare Energien heute günstiger sind als Investitionen in fossile Energien. Der IPCC-Bericht gibt damit der Bundesregierung recht, wenn sie erneuerbare Energien angesichts der heraufziehenden Klimakatastrophe zum „überragenden öffentlichen Interesse“ erklärt, selbst wenn diese Erkenntnis auch vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs zu sehen ist.

Der IPCC-Bericht sieht einen klaren Zusammenhang zwischen dem Erreichen der Klimaneutralität und einem Stopp der Erderwärmung: Wenn bis Mitte der 2050er Jahre global eine Emissionsminderung auf Netto-Null erreicht wird, kann die Erwärmung der Erde bis 2100 bei 1.5°C gehalten werden. 20 Jahre später wären 2°C oder mehr nicht mehr zu vermeiden.

Negative Emissionen sind pure Notwendigkeit

Damit läßt der IPCC-Bericht keine Zweifel daran, dass sogenannte negative Emissionen[2] für die Erreichung von Klimaneutralität keine Option, sondern schlichtweg pure Notwendigkeit sind. Kurzfristig muss das Potential an natürlichen Senken durch die Renaturierung und Bewässerung von Mooren, die Ausweisung von Naturhabitaten, Aufforstung usw. ausgeschöpft werden. Allerdings verringern Dürre und Waldbrände, wie sie durch den Klimawandel befördert werden, das Potential der natürlichen Lösungen – unverzügliches Gegensteuern ist daher notwendig. Denn auch wenn technologische Lösungen zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre schon vor 2050 notwendig werden und eine entscheidende Rolle in der 2. Hälfte des Jahrhunderts spielen werden, stellen deren Potential und Kosten ein zu großes Risiko dar, um auf natürliche Senken verzichten zu können.

Verhaltensänderungen unumgänglich

Zum ersten Mal fordert der IPCC Änderungen des Lebensstils in den entwickelten Ländern: Änderungen in der Mobilität (vor allem Flüge), klimafreundliche Ernährung, effiziente Nutzung von Lebensmitteln ohne Lebensmittelverschwendung sowie die dringende Sanierung aller nicht klimagerechten Gebäude bergen, in Kombination mit weiteren Maßnahmen wie der Förderung von erneuerbaren Energien, ein Potential von 40 – 70% globaler Emissionsminderung. Nahezu die Hälfte der globalen Emissionen gehen auf die Konten der reichsten 10% der Bevölkerung auf der Welt, der Anteil der unteren 50% beträgt ein Sechstel – es liegt daher auf der Hand, wo vor allem gehandelt werden muss.

Keine Subventionen mehr für fossile Energien
Angesichts der sich stark zuspitzenden Situation ist es unfassbar, dass global gesehen immer noch mehr Geld in die Finanzierung der Klimakatastrophe durch fossile Energien fließt als in ihre Vermeidung durch den Ausbau erneuerbarer Energien und anderer Maßnahmen. Der IPCC-Bericht stellt klar, dass ein Ausstieg aus der Infrastruktur für fossile Energien überfällig ist und der Verbrauch von Kohle bis 2050 beendet werden muss. Alleine die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe könnte die Emissionen bis 2030 um bis zu 10 % senken.

Sehr viel mehr an Investitionen in Klimaschutz erforderlich
Der IPCC betont, dass etwa drei- bis sechsmal höhere Investitionen in Klimaschutz weltweit erforderlich sind, um die Temperatursteigerung auf 2 Grad zu beschränken. Das bedeutet nochmal deutlich höhere Investitionen, um die 1,5 Grad Grenze nicht zu überschreiten. Der zusätzliche Bedarf ist regional unterschiedlich, besonders hoch ist er in Entwicklungsländern. Zusammenfassend wird klar, dass eine Schuldenbremse wie in Deutschland nicht vereinbar mit einer effektiven Klimapolitik ist.

Klare politische Signale notwendig
Deswegen sind jetzt klare politische Signale notwendig: Subventionen für Emissionsvermeidung und damit Förderung und Umstellung auf Erneuerbare Energien, auch durch eine spürbare Bepreisung von Emissionen sowie entschlossene Maßnahmen zur Transformation in den Übergang zu einer nahezu kohlenstofffreien Gesellschaft und Wirtschaft sind das Gebot der Stunde.


[1] GtCO2eq sind Gigatonnen (Milliarden Tonnen) von CO2-Equivalenten. Das globale Wärmepotential (global warming potential, GWP) bezogen auf 100 Jahre einer Tonne CO2 wird mit 1 bewertet. Andere Treibhausgase, wie Methan oder Lachgas haben pro Tonne ein wesentlich höheres globales Wärmepotential (Methan 28, d.h. eine Tonne Methan hat ein GWP von 28 Tonnen CO2 bezogen auf 100 Jahre). Um das gesamte Wärmepotential aller Treibhausgase vergleichbar zu machen, wird es in CO2-Equivalenten dargestellt.

[2] Unter “negativen Emissionen“ versteht man den Entzug von Treibhausgasen aus der Atmosphäre, entweder durch natürliche Lösungen (Senken, z.B. Wälder, Moore usw) oder durch Technologien wie CCS (carbon capture and storage), CCUS (carbon capture, utilisation and storage), BECCS (bioenergy with carbon capture and storage) u.a.